erlebnis ridinger

1698 - 1998

Einem über die Jahrhunderte hinweg jung gebliebenen Künstler bei einem gleichwohl 230jährigen Abstand zur lebenden Fakultät als Morgengabe zum 300. Geburtstag einen Katalog zu dedicieren, der all das wiederholt, was das Gros aller bislang üblichen hinlänglich sattsam trocken aufgelistet und mit einem „wurde geboren am …“ eingeleitet hat, hieße, dem Meister mit einem stillen Wasser zuzuprosten. Und jenen zu Unrecht recht zu geben, denen bei Anrufung seines Namen nicht mehr einfällt. Denn

„es  überrascht  die  geringe  Beachtung,
die  ihm  die  Kunstwissenschaft  bislang  entgegengebracht  hat“

(Rolf Biedermann im 1987er Ausstellungskatalog der Städtischen Kunstsammlungen Augsburg Meisterzeichnungen des deutschen Barock, Seite 338).

Und warum das so ist? Weil

„ auch wir Kunsthistoriker begierig nach großen Namen (sind). Je berühmter, bedeutender, um so besser. Unter Michelangelo, Pieter Bruegel d. Ä., Rembrandt, Rubens, Cézanne, Picasso … tun wir es nicht! Wir verneigen uns ständig vor der Größe, ohne diese zu hinterfragen … Seine eigene Stimme im Chor der großen Namen erklingen zu lassen … ist das nicht oft der wahre Beweggrund unserer Arbeit? “

(Klaus Ertz, Josse de Momper der Jüngere, 1986, Seite 14).

Unter solcher Prämisse ist klar, wer alles da dem kunsthistorischen Liebesentzug unterworfen wird! Eben auch

„Der bis heute berühmteste Jagdmaler der Zeit …
Johann  Elias  Ridinger …
eine typische Existenz des deutschen 18. Jahrhunderts,
berühmt  und  geehrt,
bei aller Härte der Technik
voll  Kraft  und  Charakteristik“

(Lothar Brieger, Das Genrebild, 1922, Seite 165).

Und darum sei dem Meister denn an dieser Stelle ein Feuerwerk dessen gezündet, was seine von der Kunsthistorik zu eigenem Schaden vernachlässigte Komplexität und das Geheimnis seiner Unvergänglichkeit ausmacht. Denn er ist

„einer  der  wenigen  deutschen  Barockkünstler …
der nie  in  Vergessenheit  geriet“

(Biedermann a. a. O.).

Und an den nicht nur die eigenen Werke und deren international weitgestreuter Bestand – seine schönsten Öle hängen in der Eremitage in Petersburg – erinnern, sondern auch deren so mannigfaltige Vorbildnahmen für Drucke und Graphik, Münzen, Porzellane, Bücher und Öle seitens der deutschen und europäischen Staaten bis hin nach England. Genutzt weit über seine Zeit hinaus und als Kostbarkeiten hoch bewertet bis hin zu den Heutigen. Und der Meister selbst, der in einem wunderschönen Altersbrief an den damals großen Wille in Paris (bayerische Privatsammlung) an die dort unterstellte „weit grössere Heiterkeit“ in Sachen Kunst erinnert, hätte zweifellos sein Vergnügen daran, den Freunden seiner Kunst zuzuschauen, wie sie deren Motive den jeweiligen Originalen zuzuordnen bemüht sind, ja, würde sich vielleicht gar selbst hieran beteiligen. Zwei solcher Beispiele seien aus früherem hiesigen Durchlauf auch unter dem Aspekt zitiert, wie zugleich unterhaltsam es sein kann, sich mit dem Meister einzulassen.

Ungezwungen locker mag denn auch das übrige Katalog-Material daherkommen. Ohne alle Strenge sei es aufgefächert, nichtsdestotrotz aber um eine gegebenenfalls auch durchaus periodische Widerspiegelung dessen bemüht, was des Meisters so vielfach übersehene künstlerische Vielfalt ausmacht. Ja, mehr noch, für seinen so gänzlich unbeachtet gebliebenen geistigen Habitus steht. So mögen denn Eindrücke vermittelt, Blicke über die Schulter in den unmittelbaren Schaffensprozeß gewährt werden. Was zwangsläufig zu entsprechend hochkarätigen Einzelstücken führt. Und zu Seltenstem des an sich schon vielfach so seltenen.

Und da nicht nur hier die frühe Meisterschaft Ridinger’s geradezu als ein Faszinosum empfunden wird, schon 1985 gedachte Christian M. Nebehay angesichts der 1722er Zeichnung zu Thienemann 1 des „bereits perfekten Stils in jungen Jahren“ als bedeutsam, lag es nahe, jenen Arbeiten der frühen Jahre in Zeichnung wie Graphik besonderen Raum zu geben. Und damit

der  Stunde  Null  so  nah  wie  möglich

zu kommen! Solchermaßen stolz, bildmäßig vollendet schöne Zeichnungs-Originale aus bereits 1722 zu den Pferden als einer der ihn so berühmt gemachten Werkgruppen präsentieren zu können, sei gleichwohl nicht verschwiegen, daß schon vom 12jährigen Rötelzeichnungen mit Pferden bekannt sind (Wawra-Versteigerung der „Schönen Sammlung von Handzeichnungen und Kupferstichen Joh. El. Ridinger’s aus dem Besitze eines bekannten Sammlers“ von 1890, Nr. 6).

Aber auch wenn diese Congratulations–Offerte erst mit dem 24jährigen einsetzt, so mag sie in ihrer Dichte an Außerordentlichem gleichwohl als beispiellos empfunden werden. Und geradezu das

Erlebnis  eines  Atelier–Besuches

vermitteln.

Beitragend vielleicht aber auch dazu, den Meister „vom Gerücht der Harmlosigkeit“ zu befreien und auch die Kunsthistoriker zu eigenem Nutz und Frommen auf ihn zuwachsen zu lassen. Wie es Stephan Speicher in der FAZ vom 9. 9. 1994 als für Fontane vollzogen formulierte.

Denn an dieser Stelle monographiehaft in medias res zu gehen, schösse über’s Ziel hinaus. Schon der Hamburger Dichterfreund Brockes beschränkte sich diesbezüglich auf ein

„Von  dir  o  Rid.......
wollt  ich  noch  etwas  ungemeines  sagen,
allein …“.

Vertrauen wir also auf das Kommen eines vielleicht gar von Monographie begleiteten aktualisierten Werkverzeichnisses, für das die Zeit 140 bzw. 90 Jahre nach Thienemann bzw. Schwarz (Katalog Sammlung von Gutmann) reif ist. Und konzentrieren uns für heute auf’s hier Dargebotene. Und auf ein dankbar-fröhliches, den Meister in unsere Mitte nehmendes,

Happy  Birthday  to  You …
happy  birthday,  happy  birthday ,
Happy  Birthday  to  You .

 

Lesen Sie weiter … Ridinger – Botschafter Mr. Europe in dunkler Zeit

… und anschließend dann in medias res, in den Inhalt selbst natürlich.