erlebnis ridinger

1698 - 1998

Das  Aus  der  Heldenverehrung

48. Kämpfe reissender Thiere. Folge von 8 Blatt. Radierungen (ca. 38 x 29,5 cm), hälftig vom Meister selbst und dessen Ältesten, Martin Elias (1731 Augsburg 1780). (1760.) Gr.-2°. Büttenbezogener Pp.-Bd. mit brauner Vorderdeckel-Prägung: Johann Elias Ridinger Anno 1760. / Mit beygefügter vortrefflichen Poesie des hochberühmten Barthold Heinrich Brockes. In Schuber.

Thienemann + Schwarz 716-723; Weigel 40 A; Slg. Friesen 1030 (1847, nur 2 Blatt) Coppenrath 1564 (1889, tlw. angerändert); Helbing XXXIV, 1259 (1900, „Sehr seltene Folge“ mit Th. 717 in nur späterem Abdruck); Schwerdt III, 143; Ausstellungskatalog Augsburg 1967, 75-77 + Abb. 15 (nur 3 Blatt und irrig in der kompletten Stichzuweisung an Martin Elias).

Mit den Unterrand-Versen des berühmten Barockdichters und Hamburger Senators Brockes (1680 Hamburg 1747), denen im Falle von Thienemann 719, Der wütige Leopard wie er einen Esel zerreißt, eine bislang übersehene Schlüsselrolle für die Stellung Ridinger’s im Geistesleben seiner Zeit zukommt. Denn weit über ihre Niederschrift hinaus bekannte sich der Meister noch bei Erscheinen der Folge 1760 zu diesen als einem persönlichen Credo:

„ … Doch halt, mir prägt dein grausam Bild auch lehrende Gedancken ein! Sollt eines Welt Bezwingers Blick, wohl nicht viel scheußlicher noch sein? Noch größer Grausen uns erwecken? u. muß, bey ungezehlten Leichen, Die sein Barbarisch Wort zerfleischt, ihm dieses Thier an Wuth nicht weichen? Der Hunger spornt den Leoparden, den Alexander Übermuth, Vergießet jener eines Thieres, vergießt der gantze Ströhme Blut Von 50000 seines gleichen, durch eiserne gekauffte Klauen, Komm laß den einst uns wo du kanst, ein Bild vom Wilden Sieger schauen, Sein Blick, wofern du ihn recht trifst, geht diesen Mordbegierigen Thier An Wüten, Grimm, an Raserey und Gräßlichkeit gewiß noch für. “

Als zunächst noch unbewußter Auftakt dieser in ihrer Schärfe unüberbietbaren Abrechnung mit dem Alexanderzug steht jene 1723er Zeichnung des 25jährigen, die als eine der derzeit interessantesten am Markt befindlichen Meisterzeichnungen des deutschen Barock gleichfalls hier im Katalog vorgestellt wird. Zwischen dieser und dem „Wütigen Leoparden“ steht nur ein rundes Jahrzehnt, folgt man hinsichtlich der Entstehung der Zeichnungen obiger Folge Rolf Biedermann, der sie im 67er Katalog für die 30er Jahre annimmt.

Von diesem einzigartigen Aspekt abgesehen, bildet die Folge eine Aneinanderreihung von Szenerien wilder Schönheit der BIG FIVE in Savanne und Felsenbergen, doch auch in der Nähe des Menschen. In dessen Träumen sie lebendig geblieben sind als etwas Absolutes schlechthin. Sehnsüchte legendärer Großwildjagd einstiger Tage ebenso wie Ziel unvergeßlicher Foto-Safaris bescheidenerer Gegenwart.

„ Von dieser ausgezeichneten Arbeit sind acht Blatt erschienen … Sie machen sich rar, und schon in den Verzeichnissen von Herzberg u. s. w. werden nur die vier ersten angeführt “

(Thienemann, 1856). So auch nur figurierten sie innerhalb der Ridinger-Passage der 1923 versteigerten Kupferstichsammlung aus altem Leipziger Privatbesitz, Boerner CXLI, 1530.

Hier indes komplett vorliegend in den sehr schönen frühen Abdrucken eines aufgelösten zeitgenössischen Sammelbandes mit oben und unten breiten, an den Seiten unterschiedlich weniger breiten Rändern. Die Mehrzahl derselben, teilweise auch nur stellenweise, meist nur leicht stockstippig. Zwei säurefrei hinterlegte Kleineinrisse im Unterrand. – Thienemann macht auf einige irrige zoologische Bezeichnungen aufmerksam.

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